Nach dem Blick auf den Beginn der Ukrainekriese, nun Alltag im Krieg, aktuell aus dem Grenzörtchen Izwaro

Izwarino

Grenzörtchen Izwarino ist in den Medien für eine lange Zeit das Symbol für das geworden, was die Unterstützer der Volkswehr als Neurussland (Noworossia) bezeichnen. Während der militärischen Erfolge der Separatisten, wollte man es sogar zum ersten Grenzkontrollpunkt der neuen Republik machen. Doch bisher beschränkte man sich auf ein paar Schilder mit Aufschrift „Noworossia“ und auf ein paar Buchstabendreher im Naben des Landes, das diesen Ort früher kontrollierte – nun trägt das Bürgeramt der Stadt stolz die Aufschrift „Ruina“.

Etwa ein Viertel der Bürger leben immer noch in der Stadt, trotz intensiver Kämpfe um dieses Territorium. Überwiegend ältere Menschen. Die meisten leben hier schon ihr Leben lang. Einige von Geburt an, andere von Kindheit, mancher blieb hier nach dem Wehrdienst. Niemand merkte ernsthaft, dass die UdSSR auseinander fiel – man ging genau so zu den Freunden in die russische Föderation rüber, wie man früher zu den Freunden nach RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik) rüber ging. Während der Kriegshandlungen war das Örtchen nie vollständig von der Aussenwelt abgeschnitten gewesen. Man konnte jederzeit richtung Russland weg gehen, aber der Zeitpunkt der Rückkehr war für alle unterschiedlich. Während der nahen Kämpfe wurden die Mitarbeiter des Grenzkontrollpostens und des Grenzschutzes evakuiert und in städtischen Verwaltungsgebäuden untergebracht und so konnte de Fakto keiner in der Zeit die ukrainische Grenze passieren – weder die Einheimischen noch die Separatisten noch die Journalisten.

Manche Pressevertreter zogen es vor in den Schützengräben zu übernachten, um bloß nichts Wichtiges zu verpassen.

Jeden Tag kehrten nach Izwarino Menschen zurück. Je nach der Intensität der Kämpfe blieben sie nur ein paar Stunden – versorgten die Gebliebenen mit Essen und Medikamenten, oder übernachteten in ihren Häusern. Dem örtlichen Krankenhaus gingen schon in der ersten Kriegswoche die Beruhigungsmittel aus. Mit dem nahe gelegenen Zentrum des russichen Katastrophenschutzes traute man sich irgendwie nicht Kontakt aufzunehmen. „Sie können uns doch nicht brauchen“ – sagte eine Krankenschwester, die zu dem Zeitpunkt bereits die am höchsten qualifizierte des gesamten verbliebenen Krankenhauspersonals war. Die anderen flohen vor dem Krieg. Dabei befand sich das Zentrum nur vier Kilometer vom Krankenhaus entfernt und die Russen halfen auch gerne allen die sich an sie wandten. Doch diesem einen Krankenhaus halfen nur die, die von seiner Lage von Journalisten wussten.

Von den Beruhigungsmitteln blieb im Ort nur Wodka. Mit Wodka kann man hier übrigens sehr viel machen. „Mir in den Vorratskeller ist ein Artilleriegeschoss vom Kaliber 122mm hineingeflogen“ – sagt ein Ortsbewohner – „Ist aber nicht detoniert. Aber essen will man ja. Dann haben wir mit meinem Nachbarn eine Flasche Wodka getrunken und das Geschoss mit einer Eisenstange weg geschafft“

(Photo RIA Novosti)

Die die nach Russland geflohen sind leben zur Zeit in einem Flüchtlingslager. Da haben sie eigene Zelte und eigene Gespräche. Entweder man kann nirgendwo hin weg, oder wenn doch, dann sagt man sich: „ Ich habe eine Schwester und einen Bruder, soll ich von denen auf meine alten Tage noch Gnadenbrot bekommen?“ Über eine Auswanderung nach Russland fangen die meisten erst dann ernsthaft nachzudenken, wenn die eigenen Häuser unter Beschuss zusammen fallen.

Auch hier ist es genau so wie überall, je nach Menschentyp: die einen helfen, die anderen plündern. Noch einige Monate zuvor dienten die einen als Zollbeamte und die anderen betrieben Schmuggel. Dann vertrieben die einen die anderen mit Waffen.

So gut wie jede Tätigkeit ist in dem Örtchen zum erliegen gekommen, obwohl immer noch regelmäßig die Renten gezahlt werden. Von der ukrainischen Seite. Die meisten Bankautomaten der DVR und LVR spucken russiche Kreditkarten wieder aus.
Der einzige Ort, der einen Anschein des alltäglichen Lebens bewahrt hat ist Gorlowka, wo einer der Hauptfiguren der Volkswehr von Donbass Igor Bezler praktisch alle Machtstrukturen ersetzt hat. Nun gehen die Industrieerzeugnisse nicht mer nach Kiew, und die Steuern wurden durch freiwillige Abgaben in ähnlicher Höhe ersetzt.

Strassen

Die Geschwindigkeit mit der ein Ort in die Zeit der Jäger und Sammler zurückfällt, hängt von der Anzahl und der Qualität der Kommunikationswege zu Nachbarorten ab. Eine autonome Existenz einer modernen Stadt ist für längere Zeit unmöglich. Der Zeitraum wo es noch einigermaßen erträglich ist beläuft sich auf einige Tage. Die Frage des Überlebens stellt sich für die Isolierten bereits nach etwa einem Monat.

(Photo : Ria Nowosti)

Ein paar geschickt platzierte Blockposten und gezielter Mörserbeschuss reichen, um sogar ein etwas größeres Örtchen komplett von der Außenwelt abzuschneiden. Aber wenn alle Rückzugswege zur Außenwelt abgeschnitten sind, werden die Menschen selber zu Milizen – in die Ecke getriebene Frauen, die ihre Kinder verteidigen, verlangen nach Maschinenpistolen.
Manche werden, ohne jegliche Erfahrung, Scharfschützen. „Wenn du schiesst, ziel nicht auf den Kopf, sondern auf den Körper“ – so klingt die Einschulung der Neuankömlinge durch einen selbst gerade angekommenen Kaliningrader.
Doch das echte Beispiel für „Unternehmensmut“ sind die Taxifahrer. Die verlassen als Letzte eine belagerte Stadt und nehmen als Erste wieder die Arbeit auf, sobald die Zufahrtsstrassen nicht mehr beschossen werden: „Hab eine Woche lang Journalisten gefahren –ein halber Jahresverdienst“

Lugansk

Nach den Taxifahrern kommen die Busfahrer und Sammeltaxis. Geschäfte und Apotheken machen auf. Sim-Karten Verkäufer stehen wieder in den Strassen. Die großen Mobilfunk-Ketten stellten schon vor Langem die Arbeit ein. Überweisungsterminals sind oft wegen Elektrizitätsausfällen ausser Betrieb, so dass die Möglichkeit Kontakt zu Freunden und Angehörigen aufzunehmen zu einem grundlegenden Problem wird.
An einem der Tage, wo das Artilleriefeuer weit weg zu sein schien und die Sirenen seit mehreren Stunden schwiegen, landete auf einer belebten Kreuzung mitten in der Stadt eine Mörsergranate. 8 Menschen waren sofort tot, noch ezwa ein Dutzend weitere wurden ins Krankenhaus gebracht. Die Leichen wurden bis zum Eintreffen der Volkswehr mit weißen Tüchern bedeckt. Die Stadtbewohner schauten unter die Tücher in der Hoffnung kein bekanntes Gesicht zu entdecken.

Am nächsten Tag war die Stadt wie ausgestorben. Private Telefonnummern der Taxifahrer wurden zwischen den Journalisten geteilt und das Heulen der Sirenen wurde genau so alltäglich wie der unaufhörlich feuernde Mehrfachraketenwerfer GRAD neben dem Hotel. Spät am Abend trafen sich praktisch alle Journalisten im Bombenkeller, um die Geschehnisse des Tages zu besprechen. Zum Biespiel wie in den ukrainischen Medien der Kreuzungsbeschuss präsentiert wurde, oder wo man immer noch Seife und Schampoo kaufen kann.

(Photo: RIA Novosti)

Ladenverkäufer fuhren die Verkaufswägelchen mit übrig gebliebenen Waren auf die Bürgersteige hinaus und schrien: „Wir schliessen morgen, kauft die Reste“. Das liess die im Hintergrund hängenden Sommerschlussverkauf-Banner surreal erscheinen. Von all den Geschäften blieben nur die, die die grundlegendsten Bedürfnisse befriedigen. Cafes arbeiteten wie gewöhnlich, nur wegen dem fehlenden Wi-Fi oder Eis beeilte man sich zu entschuldigen.

Vor dem Hintegrund der auf die Stadt zu rollenden Hölle schien die Alltagslogik der Stadtbewohner etwas deplatziert und unverständlich zu sein.
Die können nicht weg weil es „keine Ticktes für den Bus mehr gibt“, weil „ich noch bei der Arbeit kündigen muss, aber der Direktor ist schon weg“. Die Extremsituation beeinflusste die Gewohnheiten aber nicht die Weltanschauung. Als würde das Alles gar nicht mit ihnen passieren.

Original
http://voicesevas.ru/news/yugo-vostok/3508-ekosistema-osazhdennogo-goroda.html

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